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Die Zeit für digitale Patientenprogramme im Gesundheitswesen ist reif!

von Sebastian Vorberg

Die Fachwelt des Gesundheitswesens diskutiert angeregt über Digitalisierung. Die Diskussion gleicht aber noch einem hypothetischen Rollenspiel und zündet nicht unmittelbar in praktischen Umsetzungen. Es schein fast so, als könne man bei der Digitalisierung ein Für und Wider abwägen und dann eine Entscheidung fällen.
Sobald die Unumgänglichkeit der Digitalisierung auch in der Gesundheit erkannt wird, richtet sich das Augenmerk reflexartig auf die Risiken und Hürden, der unter anderem rechtlichen Art. So geht der Ein oder Andere aus den aktuellen Diskussionen raus und wiegt sich in trügerischer Sicherheit, dass das alles ja noch gar nicht so weit sei und man die Entwicklungen erst einmal beobachten könne.

Dabei genügt der Blick auf andere Branchen, dass die Digitalisierung in Ihrer abrupten und erschütternden Art viele Abwartende uneinholbar überrollt hat. Die Digitalisierung erwischt unsere Gesellschaft an dem Punkt, an dem die Kraft und die Geschwindigkeit am größten sind: bei der Vernetzung und Kommunikation der Masse von Nutzern. Da helfen keine Pläne und häufig auch nicht einmal Regulierungen. Wenn es etwas gibt, das digital für die Masse einen ethisch nachvollziehbaren Nutzen hat, dann wird es sich in der digitalen Welt durchsetzen. Dieser Nutzen dürfte bei digitalen Patientenprogrammen wohl außer Frage stehen.
Medizin ist das Wissen über Krankheit und Gesundheit zugeschnitten auf die individuelle Situation eines Patienten. Der digitale Datenaustausch kann erheblich dabei unterstützen, für die individuellen Daten des Patienten die optimalen Treffer des Weltwissens der Medizin zu finden. Digitale Unterstützungen führen daher in dieser Aufbereitung von medizinischen Daten und Patienteninformationen zu einer Optimierung der Medizin. Außerdem sind Ärzte und sonstige Leistungserbringer nur punktuell in den Praxen oder Anlaufstellen für den Patienten hilfreich. Digitale Dienste sind rund um die Uhr und nahezu an jedem Ort verfügbar. Außerdem sind digitale Dienste in der Lage medizinische komplexe Situationen zu vereinfachen und damit allen Beteiligten Zeit und Mühe zu sparen.
Damit ist heute bereits ohne größere Anstrengung erkennbar, dass gegen die digitale Vernetzung in der Medizin und der digitale Austausch mit dem Patienten keine Hürde gewachsen sein wird. Es kann nicht mehr um das Ob, sondern nur noch um das Wie und Wann gehen.

Beim Wie von digitalen Patientenprogrammen werden heute häufig noch rechtliche Hürden angeführt, die wir erst überwinden müssen. Das jedoch ist ein reines Vorurteil. Es gibt derzeit gar keine nachhaltigen rechtlichen Hürden. Vielmehr ist das Medizinrecht noch nicht auf die Digitalisierung der Medizin eingestellt. Wie kann also ein Recht, welches die aufkommenden Sachverhalte nicht erfasst, eine Hürde darstellen?

Noch bis vor einigen Jahren hieß es, die ärztlichen Leistungen über das Internet seien verboten. Das Fernbehandlungsverbot galt und gilt teilweise sogar immer noch als eines der größten Hürden für die ärztliche Onlineleistung. Dabei ist ein solches Verbot nirgends normiert. Das ärztliche Berufsrecht merkt lediglich an, dass ein Arzt „nicht ausschließlich“ über die Ferne behandeln soll und dass es ein Werbeverbot für Fernbehandlungen gibt. Der Rest des nur in den Köpfen existierenden Fernbehandlungsverbotes ist ein Konstrukt der Ärzteschaft, um den eigenen Berufsstand vor den beängstigenden Kräften des Internets zu schützen.

Eine zeitgemäße gesetzliche Regelung zur Fernbehandlung gibt es nicht.
Das gilt auch für andere Rechtsgebiete. Der Datenschutz springt heute automatisch ohne Abwägung des Nutzens immer auf die höchste Sicherheitsstufe. Die Sicherheit von medizinischen Daten wird geheiligt und der Nutzen der digitalen Medizin ignoriert. Dieses Vorgehen wird aber nicht durch die Gesetze vorgegeben. Vielmehr sind es die handelnden Personen des Datenschutzes, der Behörden und der Aufsichten, die eine liberale Interpretation der datenschutzrechtlichen Bestimmungen nicht unterstützen. Der Weg für die Erstattung von digitalen Patientenprogrammen insbesondere durch die gesetzlichen Krankenkassen ist noch nicht einmal annähernd gesetzlich erfasst. Selbst an den Stellen, an denen es klare Regierungsaufträge für eine Erstattungsregelung gibt, verenden die guten Absichten an den Interferenzen von Lobbyisten und Interessensgruppen.

Im Ergebnis zum Wie gibt es also keine wirklichen rechtlichen Hürden, aber ist gibt kollektive Vorurteile, die notwendigen und sinnvollen Entwicklungen von digitalen Patientenprogrammen entgegentreten. Das ist eine gute Nachricht für den Unternehmergeist im Rahmen der digitalen Medizin. Innovationen treffen immer auf Vorurteile und konservative Ablehnung. Nur so ist Innovation überhaupt denkbar. Wenn wir also wissen, dass sich die Digitalisierung der Medizin auf jeden Fall durchsetzt, dann steht auch schon fest, dass diese Vorurteile Ihre Tage gezählt haben. Ein nachhaltiger Nutzen von digitalen Patientenprogrammen, in Abwägung zu den etwaigen Risiken, wird für Akzeptanz bei allen Beteiligten sorgen und eine nachhaltige, langfristige rechtliche Regelung erzeugen.
Ein digitales Patientenprogramm mit einem klaren und ethisch starkem Nutzen wird in der Lage sein sowohl den Markt, als auch das Recht nach sich zu ziehen.

Stellt sich noch die Frage des Wann. Die Digitalisierung der Medizin in Deutschland ist bereits mit berauschender Geschwindigkeit in vollem Gang. Digitale Dienste in der Medizin sind bereits zur Selbstverständlichkeit geworden und entwickeln sich unaufhaltbar weiter. Nach anfänglicher Skepsis ist der Arzt nun bemüht darum, dass auch er von den Nutzen der Digitalisierung profitieren kann. Krankenkassen wetteifern bereits um das Angebot digitaler Vereinfachungen, und rechnen sich erhebliche Einsparungen aus. Die ersten Kassen konzentrieren sich gar nicht mehr alleine auf ihre traditionellen Dienste, sondern versuchen bereits, ganze Plattformen für ihre Versicherten aufzustellen, um die Potentiale der digitalen Welt für sich zu nutzen und neue Mitglieder zu akquirieren. Pharmafirmen schaffen erste digitale Dienste zur Unterstützung ihrer Produkte, um sich gegenüber dem Wettbewerb zu differenzieren. Krankenhäuser versuchen durch die digitale Unterstützung ihrer Patienten, die Qualität der Leistungen zu verbessern und die Liegezeiten zu verkürzen. Damit lässt sich die Frage des Wann nur mit „jetzt“ beantworten.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Prozess der Digitalisierung keine unvorhersehbare Blackbox ist. Um auch in Zukunft im Gesundheitswesen erfolgreich aufgestellt zu sein, muss man sich umfassend auf die Neuerungen einstellen und schnell lernen. Abwarten oder Bedenkentragen wird in keiner denkbaren Variante den eigenen Erfolg in der neuen digitalen Medizin fördern. Ungewissheit und Fehler sind mit den neuen Entwicklungen untrennbar verbunden. Nur wer Risiken eingeht, kann auch den Nutzen für sich beanspruchen. Es ist an uns, die Bedenken der Beteiligten mit Fakten zu bekämpfen und die digitale Medizin mit all ihren Nutzen voranzutreiben.